Nach dem Verlassen der S-Bahn Rissen überkam mich ein beängstigendes Gefühl!
Als sie in Rissen aus der S-Bahn stieg, hatte sie dieses unbestimmte Gefühl, dass jener Mann ebenfalls die Bahn verlassen hatte. Die ganze Zeit hatte er sie in der Bahn angestarrt. Und jetzt hörte sie Schritte hinter sich. So oder ähnlich berichten Frauen, die einen endgültigen Schlussstrich unter ihrer allabendlichen Angst ziehen wollen. Frauen, die sich für WingTsun entschieden haben.
Auf ihrer Homepage www.wt-hamburg-rissen.de macht die Selbstverteidigungs-Trainerin Tine Mielke (37) den Frauen Mut. Durch WingTsun erreicht man mehr Selbstbehauptung und Zivilcourage. Diese Art von Selbstverteidigung ist kein Kampfsport, sondern Kampfkunst. Die Kraft des Angreifers wird dabei genutzt und wendet sich gegen ihn selbst. Dabei spielt die eigene körperliche Konstitution für das Erlernen und Anwenden keine Rolle.
Im Bürgerhaus, Wedeler Landstraße 2, treffen sich Frauen und Männer zum Training in der WingTsun Schule Rissen. Hier lehrt die Leiterin nicht nur Techniken und Bewegungsabläufe in Gefahrensituationen, sondern auch, wie man durch Mimik, Gestik und Körperhaltung dem Angreifer signalisiert, dass man sich nicht als Opfer sieht.
Auch für sie gab es ein Schlüsselerlebnis an einem einsamen portugiesischen Strand, wo sie sich unbeschwert sonnte: Ein Fischer, dem zunächst die Harmlosigkeit nicht anzusehen war, kam bedrohlich nahe an sie heran. Das gab den Ausschlag, sich künftig ganz der Kampfkunst zu widmen. Tine Mielke, ausgebildete Heilpraktikerin, betreibt neben ihren Selbstverteidigungskursen ein Versandgeschäft für Kampfkunst-Artikel. Sie besitzt alle Trainer-Qualifikationen der "Europäische WingTsun Organisation" (EWTO): Sie ist nämlich Fachtrainerin für Frauen-BlitzDefence, Gewaltprävention und Kids WingTsun.
Für Frauen gilt: Der Angreifer rechnet mit weiblicher Hilflosigkeit, nicht aber mit Entschlossenheit und Widerstand. Aus Studien des Bundeskriminalamtes Wiesbaden geht hervor, dass die meisten Täter aus dem sozialen Umfeld oder Bekanntenkreis des jeweiligen Opfers stammen. Je näher sich Täter und Opfer kannten, umso brutaler ist die Vorgehensweise.
In den Kursen werden neben Techniken und Bewegungsabläufen auch Rollenspiele, Gespräche und Diskussionen eingesetzt, um individuelle Verteidigungsstrategien zu trainieren, Selbstbewusstsein zu fördern und psychische Hemmungen abzubauen. Meistens ist schon hilfreich, wenn man sich die vermeintlichen Selbstverständlichkeiten bewusst macht:
Nicht zu Unbekannten ins Auto steigen.
Dunkle Straßen meiden oder bei Dunkelheit lieber zu Hause bleiben.
Bei Bedrohung: Signalisierung durch eindeutige Körpersprache, Gestik und Mimik, kein Opfer zu sein.
Den eigenen Gefühlen trauen und Wahrnehmungen ernst nehmen.
Deutung der Angst als Alarmsignal des Körpers.
Mut fassen, eindeutige Grenzen zu ziehen und ein klares Nein auszusprechen.
Weiträumig sicheren Abstand schaffen.
Blitzschnell handeln: Jede Unsicherheit in der Handhabung, jede zeitliche Verzögerung des Einsatzes kann fatale Folgen haben.
Es empfiehlt sich der Einsatz von Personenschrillalarmgeräten. Das akustische Signal soll den Täter abschrecken und die Opfersituation öffentlich machen.
Aber auch mit der Stimme, den Händen und Fingern, den Ellbogen, den Knien und Füßen haben Frauen und Männer körperliche Waffen.
Insgesamt wurden in Rissen im letzten Jahr 769 Straftaten verübt. Sexuelle Übergriffe waren davon nur ein Bruchteil. Von diesen Gesamtdelikten wurden in Rissen nur 242 (31,5 Prozent) aufgeklärt. In ganz Hamburg 46,2 Prozent.
FELIX H. BENDIG
WingTsun-Trainerin Tine Mielke zeigt ihrem Schüler, wie es geht.
